60 Jahre SOS Kinderdorf: Ein runder Geburtstag mit Hindernissen und vielen Schattenseiten

sos_kinderdorf_lagerIm SOS Kinderdorf liegt es sich gut, könnte man meinen. Auch die Impfvorsorge durch einen Pharmakonzern ist Bestandteil des Fürsorgekonzepts, will man dem potentiellen Spender Glauben machen. Einst aber wollte SOS Kinderdorf Gründer Herman Gmeiner, er wäre nächste Woche 90. geworden, ein neues Zuhause für Kriegswaisen und elternlose Kinder schaffen. Heute stammen die über 1.200 SOS Kinderdorf Kinder in Österreich nach Angaben des Kinderhilfswerks aus zerrütteten Verhältnissen, seien Opfer von Missbrauch oder Vernachlässigung. Die Zuweisung erfolge ausschließlich von Sozialarbeiterinnen der Jugendwohlfahrt.

Dieser Tage feiern die weltweit 132 SOS Kinderdörfer ihren 60. Geburtstag. Gegenüber dem Österreichischen Rundfunk sagt SOS Kinderdorf Sprecher Viktor Trager »Egal ob vor sechzig Jahren oder heute, es gibt immer Kinder, die keinen Schutz, keine Geborgenheit und kein Zuhause haben. Und um diese Kinder und auch ihre Eltern kümmert sich die Organisation SOS-Kinderdorf« Auf Xlarge-Anfrage ist Trager nicht gesprächsbereit, wohl nicht ohne Grund. Seit drei Jahren häufen sich Vorwürfe gegen die Fundraising Organisation mit Sitz in Innsbruck (Tirol), nachdem Ende August 2005 ein sechsjähriges Mädchen im SOS Kinderdorf Seekirchen qualvoll ums Leben kam.

Schon 2003 will die Staatsanwaltschaft gegen einen Dorfleiter aus dem SOS Kinderdorf Pinkafeld ermittelt haben. Dem Ermittlungsbericht zur Folge soll der damalige Dorfchef im Ferienlager einen 13-jährigen Buben geschlagen haben. Selbst anwesende Kinder wurden Zeuge der körperlichen Züchtigung wie vor 60 Jahren.

Vor zwei Jahren türmen sich schließlich die Vorwürfe. So soll ein Bub aus dem SOS Kinderdorf Moosburg im Pyjama zum Besuchskontakt seinem Vater übergeben worden sein. Tags zuvor hätte man dem Kind das Handy abgenommen und mit einer Scheibe Schwarzbrot ins Bett geschickt – als Erziehungsmaßnahme, wie es heißt.

Als selbst die Justiz in einem weiteren Missbrauchfall nicht umhin kommt zu rügen, weshalb im SOS Kinderdorf Dornbirn ein bekennender Sexualstraftäter Zugang hatte, was nach Ansicht des Schöffensenat selbst der Dorfleitung bekannt sein musste, und im SOS Kinderdorf Moosburg drei Burschen im Alter von 16 und 17 Jahren ein 16-jähriges Mädchen fast vergewaltigten, darf der jüngste Vorfall wiederum im SOS Kinderdorf Moosburg nicht verwundern.

Nach Informationen, die XlargE exklusiv vorliegen, soll demnach ein gerade erst 9-jähriger Bub mit hyperaktiven Auffälligkeiten beachtliche 3,7 m vom Balkon des SOS Kinderdorf Hauses auf eine darunterliegende Waschbetonterrasse gestürzt sein. Die Aufsicht hatte laut Informanten-Informationen zur Vorfallenszeit um 14 Uhr 25 demnach der noch in Ausbildung befindliche SOS Kinderdorf-Betreuer Eberhard Havalec. Er wollte den Schüler dazu bewegen, seine Hausaufgaben zu machen, stattdessen turnte das Kind unermüdlich am Balkon, und verlor dabei das Übergewicht.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, sagt Geschäftsführerin Maria-Theresia Unterlercher von SOS Kinderdorf Moosburg, »Nachdem der Bub gestürzt war, und eine Nachbarin sofort die Rettung verständigte, brachte der Betreuer währenddessen das Kind in die stabile Seitenlage. Schon eine halbe Stunde später kam der erlösende Anruf aus dem Landeskrankenhaus Klagenfurt, dass sich das Kind nur einen Nasenbeinbruch und mehrere eingeschlagene Zähne zuzog«

Ob das Kind am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (AD/HS) leide, wollte Unterlercher auf Xlarge-Nachfrage weder bestätigen noch dementieren, verwies allerdings auf den Datenschutz. Selbst eine Vernachlässigung der Aufsichtspflicht zieht Maria-Theresia Unterlercher nicht in Betracht, zumal der Neunjährige immer ansprechbar war, und bereits im Krankenhaus den Unfallhergang einem Psychologen schildern konnte.

Die Geschäftsführerin gibt im Gespräch mit XlargE aber zu bedenken »Wir achten auf kindgerechte Freiräume, dazu zählt auch, dass keine Vollbeaufsichtigung der Kinder erfolgt«

Für Patricia Göller von Sorgentreff, die seit Jahren Eltern unterstützt deren Kinder im SOS Kinderdorf leben müssen, unhaltbar: »Für einen Jugendamts-Tagsatz von mehr als 90,- Euro pro Kind sollte sehr wohl für Kinder gesorgt sein, die besondere Unterstützung brauchen« Göller will dem Vernehmen nach jetzt die Strafverfolgungsbehörden einschalten, um diesen jüngsten Skandalvorfall restlos aufzuklären, wie sie gegenüber XlargE bestätigt.

Auch Anneliese L. (Name von der Redaktion geändert) kennt unzählige Missstände im SOS Kinderdorf Moosburg. Sie selbst wollte das Pflegschaftsgericht über eine Vielzahl an Vorfällen informieren. »Daraufhin habe ich von der Rechtsabteilung und Dorfleiter Michael Trebo einen Brief bekommen, ich werde jetzt meine Kinder nicht mehr sehen«

So widerfahren auch Sabine J. (Name von der Redaktion geändert), die ihre Kinder im SOS Kinderdorf Pinkafeld seit drei Jahren wegen eines Kontaktverbotes vermisst. Sie habe nach Ansicht der SOS Kinderdorf Rechtsabteilung und Petra Moser-Stadtmann vom Magistrat Klagenfurt zu viele Fotoaufnahmen gemacht, und zu oft über Missstände im SOS Kinderdorf Pinkafeld in diversen Internet-Foren geschrieben. Verschmutze Rasenflächen, abgetragene Windeln bei Kleinkinder, so wie Sabine J. und Anneliese L. sind viele Mütter dem SOS Kinderdorf hilflos ausgeliefert. Wer vor Gericht oder gar öffentlich Kritik äußert, bekommt prompt Drohungen per Post.

Das weiß selbst Patrica Göller, die seit Jahren den Tabu-Bruch wagt. »Die Sanktionen gegenüber den Eltern, die sich uns anvertrauen, gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Wer kritisiert, bekommt Post von Herrn Dr. Clemens Klingan« Post habe der Briefträger selbst ehemaligen SOS Kinderdorf Kindern zugetragen, die auf einem eigens installierten Web-Blog über die Skandalwirtschaft in den SOS Kinderdörfern berichten. »Wir haben gleich einen Anwaltsbrief aus Innsbruck von Herrn Dr. Helfried Penz erhalten« erzählt Giorgina P. (Name von der Redaktion geändert), die in ihrer Zeit im SOS Kinderdorf Hinterbrühl nicht nur einmal von der Kinderdorf-Mutter geschlagen wurde. Heute unterstützt Giorgina das Projekt „S.O.S. Kinderdorf“ unter http://soskinderdorf.wordpress.com.

Weder die für Kärnten zuständige Fachaufsicht und SPÖ Amtsmandatarin Christine Gaschler-Andreasch, noch SOS Kinderdorf Sprecher Viktor Trager waren für ein Interview bis Redaktionsschluss erreichbar bzw. bereit.

Abschließend meint die für das SOS Kinderdorf Moosburg zuständige Geschäftsführerin Maria-Theresia Unterlercher auf Nachfrage gegenüber XlargE, »Einen Todesfall im SOS Kinderdorf hat es nie gegeben« Heute könnte Elena W. (Name von der Redaktion geändert) zehn Jahre alt sein. Das quirlige Mädchen mit den blonden Haaren war am 27. August 2005 an den Folgen ihrer Verletzungen durch Strangulation, die sich das Kind beim unbeaufsichtigten Spielen auf einem Baumhaus im SOS Kinderdorf Seekirchen zuzog, auf der Intensivstation verstorben. Ein Kinderschicksal, nichts gegen die 255.000 anderen weltweit, die von SOS Kinderdörfern in Fremdpflege betreut werden.

Anlässlich der 60 Jahr-Feier beklagte Helmut Kutin, Präsident von SOS Kinderdorf International, die nachlassende Spendenbereitschaft der Bevölkerung, durch welche die Betreuung von Kindern gefährdet sei. »Diese Klage mutet eigenartig an. Mehr als 80 Prozent der Kinder in österreichischen Kinderdörfern wurden dort durch Jugendämter untergebracht, die hohen Tagsätze der Bundesländer sichern den Kinderdörfern damit ein gutes Einkommen. Ob die Unterbringung von Kindern bestehender Familien dem Grundgedanken der SOS Kinderdörfer entspricht, bleibt allerdings dahingestellt« meint Patricia Göller von Sorgentreff abschließend mit Kopfschütteln.

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Siehe auch: Wussten Sie? Die einzigartigen SOS Kinderdorf Fakten
Siehe auch: Wie Medien zu Gunsten von SOS Kinderdorf falsch recherchieren

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