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Mediales Erziehungscamp verdunstet am Horizont

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Jugendliche Kriminelle gab’s schon im 19. Jahrhundert. Die Lausbuben aus den Geschichten von Wilhelm Busch waren ziemlich böse. Die Erziehungsmethoden, die der Dichter vorschlug, scheinen jedoch ebenso zweifelhaft.

Jüngst geraten Erziehungsmethoden, Jugendkriminalität und Endlösungen für schwererziehbare Kinder dank Wahlkampf in die Pressemühlen. Das Resultat sind klare BILD Schlagzeilen für Hessens Ministerpräsident Koch und seine CDU Riege.

Ab Februar will sogar der Kölner Privatsender RTL erneut zum Steinkreis greifen und widerspenstige Kids in die Wüste schicken. Dank dem Mormonen Konzept von Utas Pädagogik Queen Annegret Fischer Noble, erlebt der Zuseher ein weiteres Mal heulende Mädchen und frustrierte Jungs.

Fern ab den Profitplänen des Novitätenrundfunks, stolpert hingegen der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) von einer Peinlichkeit in die Nächste. So wollte man im Zuge des laufenden Wahlkampfes ein neues Erziehungscamp in Nordrhein Westfalen präsentieren. Anfangs haperte es allerdings an den korrekten Ortsangaben, gefolgt von einem Erziehungscamp das gar keines ist.

Seit über zwei Jahren wird am Jugendhilfe Projekt in Bedburg-Hau gefeilt. Während sich bei der Präsentation im vergangenen November ausschließlich die Lokalpresse für das neue Heim interessierte, mutiert die Einrichtung im Landtagswahlkampf nun zum Erziehungscamp in Form eines geschlossenen Erziehungsheimes für 14 bis 18 jährige Jugendstraftäter.

»Der abgelegene Bauernhof ist keinesfalls ein Erziehungscamp und auch keine geschlossene Unterbringung« wehrt sich Ulrich Schäfer, Sprecher der Kaiserswerther Diakonie, im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Xlarge.

Seit dem neuen Wahlkampfthema, entdeckt von Hessens CDU Mastermind Roland Koch, die Bildzeitung und RTL Sender täglich berichten, gewinnt das Thema Jugendkriminalität sogar in der ORF ZIB2 an Bedeutung. Der Kinderpsychiater Prof. Max Friedrich soll die Vorzüge von Erziehungscamps ins rechte Licht rücken und auf bestehende Debatten im Jugendstrafrecht Antwort geben.

Unterdessen entpuppt sich das Kinderheim Ausblick in Bedburg-Hau keinesfalls als Erziehungscamp oder gar geschlossene Erziehungsanstalt. Vielmehr sollen 12 bis 15 jährige auf den richtigen Weg zurückgebracht werden.

Während der hessische Ministerpräsident seine Kernthemen in diversen Münchner U-Bahn Schlägereien findet, greift Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Rolph Wegensheit nach klaren Worten aus der Praxis »Die Politik hätte bereits vor Jahren ihre Arbeit in den Familien aufnehmen können. Heute stehen wir zwischen Integrationsdefizit und sozial gebeutelten Herkunftssystemen«

Ins gleiche Horn bläst allerdings auch Christian Pfeiffer, seines Zeichens Kriminalpsychologe und Forscher. Er sieht in einer Erhöhung des Strafrahmens bei Jugendstraftaten und der Einführung des Erwachsenenstrafrechts mit 18 keinerlei Vorteile. Vielmehr ortet seine Studie einen Nachholbedarf bei den 9 bis 12 jährigen, die schon von Kindesbeinen an gewalttätig und kriminell werden.

Im Gegensatz zu deutschen Jugendhilfeeinrichtungen wie der Ausblick in Bedburg-Hau, wenden sich an Wegensheit und seine Einrichtung in Schweden direkt Eltern, die mit ihrem Nachwuchs überfordert sind »Auch bei uns gibt es weder Mauern noch Stacheldraht. Stattdessen üben wir Kontrolle durch Strukturgebung, Vertrauen und Interaktion in der Eltern-Kind Arbeit«

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