Aufgedeckt: Betrug mit Lesestoff

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Die Wiener städtischen Büchereien bieten ihr digitales Angebot kostenlos an, wurde in Medien verbreitet, die der Stadtpartei nahe stehen. „Wem der Lesestoff ausgeht oder wer neue Medien entdecken möchte, kann nun aus über 70.000 Medien – von Ebooks über Epapers bis zu Eaudios – wählen“, meint Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky.

Damit auch Menschen ohne Büchereikarte dieses Angebot nutzen können, gebe es ab 30. März eine formlose Möglichkeit, den Zugang zu beantragen. Es reiche ein E-Mail zur Anmeldung. Verlangt werden Vorname, Nachname, Geburtsdatum und Email-Adresse.

Ebooks können maximal 21 Tage ausgeliehen werden. Die Rückgabe erfolgt automatisch. Angeblich können die Angebote auf Ebook-Readern, Tablets oder Smartphones genutzt werden, nicht aber auf Kindle-Readern von Amazon. Ausgeliehene Angebote können reserviert werden.

Hellhörige Leser fragten sich sofort, wie das ginge. Nur 21 Tage nutzen? Warum können Ebooks (jederzeit versendbare elektronische Files) nicht mehrfach ausgeliehen werden? Und wieso geht es nicht auf Kindle?

Die städtischen Büchereien, und auch die Medien, verschweigen mit Absicht das Wichtigste: Alle diese Angebote sind mit einer DRM-Sperre (Digital Restrictions Management) versehen, sind deshalb nicht frei verwendbar.

Sie können daher eben auch nicht etwa im weit verbreiteten calibre-Programm geöffnet werden (calibre erklärt, weshalb), aber auch nicht auf Ebook-Reader geladen oder konvertiert werden. Auf anderen Geräten ist ein Lesen nur mit umständlichen Zusatzprogrammen möglich, beipielsweise mit Adobe Digital Editions. Auf Kindle geht es deshalb nicht, weil Amazon eine eigene, nicht kompatible DRM-Codierung verwendet, um eine freie Benutzung zu verhindern, die Files aber nicht mit zwei unterschiedlichen Sperren versehen werden können.

Ein angeblich kostenloses, in der Tat aber mit fragwürdigen Sperren versehenes Angebot würde anderswo als Betrug gewertet werden. Doch Wien ist anders…

Dazu kommt noch, dass die Stadt Wien die erhaltenen Zugangsdaten selbstverständlich nicht löscht, sondern nach (eigentlich verbotener) Abgleichung mit dem Melderegister für Werbezwecke weiterverkauft. Kostenlos heißt nie umsonst.