Fall Silvia G. – Die verlorenen Amtskinder von Klagenfurt

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Stolz ragt der Pico de Teide mit seinen 3.718 Metern aus dem Inselfundament, und bildet mit seinem Kegel eine fulminante Sehenswürdigkeit auf der 600.000 Einwohner zählenden Ferieninsel Teneriffa. Rund 5 % der Bevölkerung kommt aus Deutschland. Wie schon auf anderen Ausläufern Spaniens praktiziert, verstehen die deutschen Nachbarn das Auswandern und so darf es nicht verwundern, wenn sich unter ihnen spirituelle Ahnenforscher und anrüchige Sinnenstrolche tummeln. Deutsche und österreichische Jugendämter kennen die Vorzüge der modernen Alcatraz Zellen im Atlantischen Ozean nur zu gut.

Die Sozialdemokratische Amtsmandatarin Christine Gaschler-Andreasch (SPÖ) wollte mit der 15 jährigen Schülerin Silvia G. ein Exempel statuieren und folgte der Einladung des dubiosen Kinder- und Jugendhilfe »Verein Weg-EV«, der sich nunmehr im Visier von Staatsanwaltschaft und dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband befindet, wie Martin Wisskirchen auf Anfrage bestätigt.

Der Auslöser, die menschenverachtende Unterbringung einer Minderjährigen mit Verhaltensauffälligkeiten, Tendenzen zum gebundenen Suchtverhalten und einem schier unglaublichen Register an kriminellen Ergüssen. Wäre nicht das Jugendamt seit dem 7. Lebensjahr für das Mädchen verantwortlich, müssten sich wohl die Eltern dem Erziehungsdesaster stellen.

Doch die Schülerin schwor noch im Sommer 2006 Drogen und Kriminalität ab, wollte ihre Karriere als Crash-Kid beenden und mit ihrem Bruder Andreas die Ruhe finden. Das Jugendamt in Klagenfurt hatte allerdings andere Pläne. Ein Aufenthalt in Teneriffa würde nicht nur die Kassen der Steuerzahler um satte Euro 100.000,- erleichtern. Schulabschluss, soziale Neuorientierung und ein festes Umfeld mit Sprachbarrieren. Die Bestrebungen der operierenden »Weg-EV Agenden« liest sich wie ein Leitfaden aus nationalsozialistischen Zeiten, als »sexuell verwahrloste« Mädchen mit 12 Jahren in speziellen »Jugendschutz Lagern« wie z.B. Uckermark vor Altersgenossen isoliert werden mussten.

Käthe Anders erinnert sich gut an jene Zeit, wie sie als 17 jährige die unterste Erziehungskarge der Nationalsozialisten kennen lernen durfte. Kosten sparend, demütigend aber mit bedarfsorientierter Effizienz, trieben die Aufseherinnen zwischen 1942 und 1945 rund 1200 Mädchen vor sich her.

Die von Adolf Hitler geschaffenen Jugendämter waren vorwiegend Beschaffungsträger der Lager und Zitate von Käthe Anders lassen das Grauen nur erahnen » In der Früh rausgepfiffen, um fünf Uhr, Frühsport. Bloßfüßig. Da hat es können regnen oder frieren oder schneien. Oft hat es im Winter minus 20 Grad gehabt, da hast müssen hüpfen, dass du net am Boden angefroren bist. Ich war noch net ganz beinander von der Diphtherie, jetzt hab ich oft net so mitkönnen. Strafweis musste ich Liegestützen machen. Dann unter die kalte Dusche. Ist ja gesund für einen jungen Menschen – dass manche vielleicht auf der Lunge schwach waren, ist ja unwichtig gewesen. Rasch, rasch anziehn, geschwind, geschwind Betten bauen. Die Kante hat müssen sein wie beim Militär, nur ärger. Wenn eine von den Aufseherinnen schlecht gelaunt war, hat sie das Bett wieder aufgerissen, hast kein Nachtmahl gekriegt, strafweis. Bettenbauen, dann Frühstück, in ein Aluminiumreindl. Das hat müssen schön glänzen, das hast müssen putzen, mein Lieber! Ein Stückel Brot und einen Kaffee, dann raus, Appell stehen. Nachher ist die Arbeit angegangen. Ab zehn Uhr hast du net mehr aufs Klo raus dürfen, ein SS-Weib ist davor im Dienstzimmer gesessen. Aber ich kann doch net ins Bett machen! Habe ich probiert, mich rauszuschleichen. Nur einmal hab ich das gemacht, der Hund hat mich gleich gehabt. Zum Glück hat er nicht ins Fleisch gebissen, sondern nur das Hemd erwischt. Na, was haben wir gemacht? Wir haben uns beim Fenster raufgestellt und hinausgemacht in den Sand. So etwas hat sich Jugendschutzlager genannt. Oder was anderes: Wenn ein Mädchen nicht unter die kalte Dusche gangen ist, haben sie’s aufgeschrieben. Da war eine mit einem offenen Fuß, die hat einen Verband gehabt. Unwillkürlich hat man Verletzungen gekriegt. Wenn du barfuß im Sumpf umgehst, schneidest dir was auf, haust dir mit der Schaufel eine rein. Nur einmal in der Woche haben wir einen Verband gekriegt. Damit der nicht nass wird, ist sie nicht unter die Dusche gangen. Nach dem Bad hat uns die Aufseherin alle rausgepfiffen. Das war immer so: Wenn eine was angestellt hat, ist der ganze Saal bestraft worden. […] Na, was ist mit der passiert, die nicht duschen wollt? Wir mussten alle raus aus den Betten und uns am Flur aufstellen. Das Mädel ist rausgerufen worden in den Waschraum. Dort hat die Aufseherin drei Eimer mit Wasser vollaufen lassen und hat’s ihr über den Kopf geschüttet. In drei Tagen ist sie tot gewesen, an Lungenentzündung gestorben. Und in der Nacht! Wir waren todmüd, eine Aufseherin hat sich aber einen Spaß gemacht, uns rauszupfeifen. Ist sie mit dem Pfeiferl mitten in der Nacht kontrollieren gegangen, und wenn sie eine gefunden hat, von der die Füße im Strohsack gesteckt sind, hat sie uns alle rausgepfiffen. Wir haben zwar ein Leintuch gehabt, das haben wir aber weggegeben und die Füße ins Stroh gesteckt, damit uns wärmer ist. Das war verboten. Das hat sie kontrolliert. Mit der Taschenlampe mitten in der Nacht. Im Hemd mussten wir stehen, eine Stund, zwei Stunden. In der Früh um fünf Uhr ist wieder Tagwerk gewesen. Schikaniert haben’s uns! Dass man da mit den Nerven fertig wird, ist kein Wunder. Aus Spaß haben sie das gemacht. Hat ihnen das weh getan, wenn wir uns die Füße wärmen?«

Deshalb darf es nicht verwundern, wenn die Erfolgsquote der ausführenden Organe gerade einmal die 50 % Marke erreicht. Geschlagen, ausgehungert und gedemütigt, so sieht sich heute Silvia G. (16) nach einem Jahr der Isolationshaft.

Das Nachrichtenmagazin Xlarge hat sich mit Herausgeber Simon Polterer auf Spurensuche begeben. Fernab vom Touristen Mekka »Playa de las America« findet sich in der hügeligen Region rund um den Vulkan Pico de Teide das kleine Örtchen Chio in der Region Guia de Isora. Dort sollte die junge Klagenfurterin Benehmen und Anstand von einem auserlesenen, deportierten deutschen Greis erlernen, der noch zu Jugendzeiten die Fahne zwischen Hitler Jugend und Führerpunker feierlich in die Höhe halten konnte, bevor das 3. Deutsche Reich dem Alliierten Sturm nicht mehr Stand halten konnte.

Über acht Jahre hat Silvia G. im Heim verbracht, und ihrer Mutter schon längst die kalte Schulter vor Enttäuschung gezeigt. Für Unteramtsleiterin Gaschler Grund genug die Reisepapiere fertig zu machen und einen jungen Menschen der Justiz zu entziehen. Nachdem im Juni des vergangenen Jahres die Yacht des Norbert R. der Langeweile von mehreren Jugendlichen zum Opfer fiel, musste die Jugendwohlfahrt handeln. Unter den Feuerteufeln vom Wörtersee waren auch Schützlinge des städtischen Jugendamtes wie Silvia G., Mario H. und Natascha P.

Der Flieger biegt auf die Zielgerade von Santa Cruz. Wo sich Touristen die Hand geben und Hotelketten eine Skyline bilden, darf das Mädchen aus Österreich keinesfalls leben. Noch nie in ihrem Leben auf Urlaub, sollte schon bald die Härte der neuen Pflegeeltern ihre Durchschlagskraft erreichen. Arbeitsdienst im Familienhotel »La Vista« oder Kindermädchen für die 11 jährige Tochter Vanessa und ihren 13 jährigen Bruder. Weder der Großvater noch die engagierten Pflegeeltern Claudia und Vuwi Radtke verfügen über fachliche Kompetenz im Umgang mit Sozialwaisen. So sollte die eigens eingeflogene Sozialpädagogin Erika Weber genügend Fachwissen mitbringen, um das Manko fern ab der Heimat wenigstens geringfügig zu kitten.

Tatsächlich aber widmet sich die Auswanderer Gang wichtigeren Dingen des Lebens. Als Journalisten vom Nachrichtenmagazin Xlarge zum Lokalaugenschein läuten, werden plötzlich Häuser weise die Erziehungsfront verlassen – Aufbruchstimmung Richtung Deutschland ist angesagt. Die Eile muss groß sein, vergisst das von Kindersegen geprägte Ehepaar Radtke auf ihren jungen Labrador Retriever.

Nicht nur die Umstände in »Guia de Isora« gleichen einem Feld der Verwüstung. Während der Auffahrt zur Azienda treffen wir auf einen verrosteten Lastwagen, einem Labyrinth aus Wasserleitungen im verbrannten Dickicht und zuletzt stehen wir vor zwei Alarm gesicherten Toranlagen, die, so scheint es zumindest, im Trubel der hitzigen Abreise nicht mehr genutzt wurden.

Es entgegnet uns ein Hecheln jenes Hundes, der noch vor wenigen Monaten eifrig mittels Kontaktanzeige gesucht wurde. Die »Guardia Civil« betritt das verlassene Grundstück, die Waffe im Anschlag und ihre Spürhunde auf kurzer Leine gehalten, gefolgt von unserem Kamerateam.

Die Bettstatt von Silvia G. übersät mit Kakerlaken und verschimmelten Speiseresten. Am Geruch der uns entgegeneilt lassen sich die herumliegenden Fäkalien von Tier und Mensch bereits meilenweit erspähen, ehe sie durch örtliche Beamte und Journalisten in Augenschein genommen werden können.

Demonstrativ gekappt, ziert ein Telefonkabel die Wandfassade zum Esstisch. Verstaubte Fenster, vergilbte Gardinen und winzig kleine Mitbewohner in den Ecken der Räumlichkeiten, vollenden das prekäre Bild der offenkundigen Verwahrlosung.

Angelo, einer der Polizisten erklärt, dass hier nichts mehr getan werden kann. Der Hund soll baldigst den Behörden übergeben werden, die desolat wuchernde Wohnanlage vorerst so bestehen bleiben, bis die neuen Besitzverhältnisse geklärt sind.

Silvia G. musste offenbar in windigen Verhältnissen leben. Vom Pflegevater geschlagen von ihrem Sozialarbeiter Erich Dreves Pobaschnig im Stich gelassen. Nach kurzer Zeit war es dem Mädchen zuviel geworden. Doch die Flucht von kurzer Dauer, endete im spanischen Knast. Die Feuersbrunst im Sommer dürfte dem Kind wohl den Rest gegeben haben, bevor die rettende Erlösung durch das Nachrichtenmagazin Xlarge folgen sollte.

Seit 1996 befinden sich Familie Radtke und ihre Wegbegleiter auf Teneriffa. In der eigenen Praxis schafft sich Claudia Radtke über Jahre hinweg ein Spektrum an spirituellen Anwendungen bis hin zur Reinkarnationstherapie. Mit unzähligen Ferienanlagen wie das Haus »Casa Claudia« und der Aufnahme von Amtskindern, sollten die Kassen besonders kräftig klingeln.

Als wir abreisen, erfüllt uns weder Erleichterung noch Genugtuung. Vielmehr verspüren wir die Ohnmacht, die uns durch manifeste Missstände, wie diese, entgegnen. Das erinnert an den 12 jährigen Michael oder die 13 jährige Natascha aus Klagenfurt. Sie leben im Kinderheim, werden geschlagen, gedemütigt und als asoziale Front von unserer Gesellschaft gemieden. Sexueller Missbrauch, Gewalt und Drogen sind unter Heimkindern in Österreich keine Seltenheit. Überarbeitete Erzieherinnen, gewinnorientierte freie Träger der Jugendwohlfahrt und nicht zuletzt desillusionierte Sozialarbeiterinnen in den Ämtern, das Resultat für Heranwachsende, die auf Du und Du dem Versagen gegenüberstehen.

Natascha (13) hat überall blaue Flecken, als Michael das Mädchen, eine Freundin von Silvia G., in der Sonderschule wieder sieht. Zuvor konnte das Mädchen aus einem Erziehungsheim in Vorarlberg flüchten. Den Schilderungen der Schülerin zufolge haben Schläge, Zimmerarrest und Essensentzug den Alltag der Erziehungsarbeit dominiert.

Offiziell spricht man im Amt der Kärntner Landesregierung von besten Erfolgsaussichten, denn Missstände wären laut Christine Gaschler-Andreasch (SPÖ), verantwortlich für die Abteilung Jugendwohlfahrt, nicht gegeben.

Weshalb Michael nach über einem halben Jahr erfolgreicher Aufbauarbeit bei seiner Mutter ins Heidlmair Heim zurückmusste, interne Fachberichte »Zwangsmaßnahmen in der Erziehung« bestätigen, Silvia G. trotz einer immensen Investition nun ohne Schulabschluss und Lehrausbildung erneut auf den Straßen von Klagenfurt herumstreunt, das wollten die Verantwortlichen nicht kommentieren.