Jugendamt Wien geht nach Kritik neue Wege

Prävention gehört zu den wichtigsten Eckpfeilern in der Arbeit mit Müttern und Vätern. Rechtzeitige Hilfe und individuelle Angebote können helfen, Krisen erst gar nicht entstehen zu lassen. „Oberstes Ziel der MAG ELF ist es, Kinder und deren Rechte zu schützen und ihnen eine positive Zukunft zu ermöglichen“, so Vizebürgermeisterin Grete Laska. „Deshalb tun wir alles, um Väter und Mütter frühzeitig zu unterstützen. Die Maßnahmen reichen hier vom Familienintensivtraining mit laufender Kamera bis zum Coaching oder der Begleitung von Schwangeren, jungen Eltern und Familien mit Problemen“, erläutert die Kinderstadträtin. So lernen Eltern beispielsweise auch gemeinsam mit SozialarbeiterInnen den Alltag mit ihren Kindern zu meistern, mit Grenzsituationen umzugehen und vieles mehr.

Die MAG ELF – das Amt für Jugend und Familie – setzt in ihrer Arbeit neueste Erkenntnisse und Methoden aus der Sozialarbeit und Sozialpädagogik um und macht mit zahlreichen Projekten Wien zum österreichweiten Vorreiter. Alle Vorhaben werden von der Grundlagenforschung der MAG ELF wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

MAG ELF hilft Eltern bei der Erziehung: Coaching und Intensivtraining

Viele Eltern fühlen sich bei der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Die MAG ELF bietet zahlreiche Hilfestellungen, angefangen von Beratungsgesprächen bis zur Unterstützung zu Hause. Im Jahr 2007 wurden erstmals neue Methoden erprobt, wie etwa Familiencoaching, Familienintensivtraining (FIT) und Elterntraining.

Sozialpädagogisches Familiencoaching: Alltagssituationen werden gemeistert

Wenn sämtliche Hilfestellungen der MAG ELF nicht zum Erfolg führen, bleibt letztendlich nur noch die Möglichkeit, Kinder in einer Wohngemeinschaft unterzubringen. Um diesen Schritt zu verhindern, wird seit dem Vorjahr „Sozialpädagogisches Familiencoaching“ angeboten, das von einem Team aus SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen und PsychologInnen durchgeführt wird.

Die Kinder sind von Montag bis Freitag in einer Einrichtung der MAG ELF, verbringen aber die Nächte und Wochenenden zu Hause. Begleitend dazu kommen die Eltern bis zu 4 mal wöchentlich zu ihren Kindern in die Einrichtung. Dort wird vor Ort gemeinsam mit Kindern und Eltern Alltag und Erziehung gelebt. Mütter und Väter erhalten direkte Anleitung im Beisein des Kindes und können beispielsweise lernen und üben, wie man sich durchsetzt, ohne zu schreien oder gewalttätig zu sein. Wenn nötig, werden auch Situationen außerhalb der Einrichtung, die zur Alltagsbewältigung nötig sind, z.B. U-Bahn fahren mit drei lebhaften Kindern, mit den Familien durchgeführt und geübt. Ein weiterer Schwerpunkt im Coaching ist die Begleitung der Eltern zu wichtigen Terminen, wie in die Schule oder andere Institutionen, die von ihnen bisher vernachlässigt wurden oder im Konflikt geendet hatten.

Kinder üben Selbstvertrauen

Ein weiterer wichtiger Arbeitsschritt beim sozialpädagogischen Familiencoaching ist die Beratung sowohl der Kinder als auch der Eltern. Mit den Kindern werden etwa Übungen zum Aufbau des Selbstvertrauens gemacht oder auch Verhaltensweisen erarbeitet nach dem Motto „Wie komme ich mit welchem Verhalten bei anderen an?“. In der Beratung der Eltern steht häufig ihre eigene Kindheitsgeschichte im Vordergrund, welche die Erziehung maßgeblich beeinflusst. Einmal pro Woche steht mit allen Familien eine gemeinsame Freizeitaktivität außerhalb der Einrichtung auf dem Programm. Bei der Vorbereitung und Organisation sind Eltern und Kinder eingebunden. Damit soll gezeigt werden, wie man sinnvoll und kostengünstig Zeit mit Kindern verbringen und nützen kann.

Das Familiencoaching dauert drei bis sechs Monate. Die Erfolgsquote lag im evaluierten Zeitraum bei 87,5 Prozent. Familiencoaching hat sich insgesamt als erfolgreiches Modell zur Verhinderung von Fremdunterbringung bewährt.

Familientraining mit laufender Kamera

Beim Familienintensivtraining FIT kommen – im Gegensatz zum Familiencoaching – zwei SozialarbeiterInnen und/oder SozialpädagogInnen zu den Familien in die Wohnung. Vor Ort wird einige Tage beobachtet, wie die Familienmitglieder miteinander umgehen, wie Konflikte ausgetragen werden etc. Das Neue dabei ist, dass eine Kamera mitläuft! Kernpunkt der Arbeit ist, die Videoaufzeichnungen mit der Familie zu analysieren. Häufig wird erst dadurch ein Problem bewusster und weckt den Wunsch nach einer Veränderung. Die lange Anwesenheit in der Familie wird auch für konkrete Hilfestellung und Anleitung in schwierigen Erziehungssituationen genutzt. Wenn Eltern dann im Video sehen, dass es ihnen auch gelingt, sich anders zu verhalten, erhöht das natürlich die Motivation, weiter zu arbeiten. Um Erreichtes zu festigen und die teils massiven Probleme zu lösen, wird die Familie im Anschluss weiter betreut.

Die Zufriedenheit sowohl bei den TrainerInnen als auch bei den KlientInnen ist sehr hoch. Bis jetzt musste kein Kind aus der Familie genommen werden. Das Projekt läuft vorerst bis Ende Juni – insgesamt 16 Familien werden bis dahin das Familienintensivtraining absolviert haben. Es ist daran gedacht, diese Methode – nach Beendigung der Projektphase- wienweit zu etablieren.

Elterntraining in Kleingruppen

Eine weitere Maßnahme, um zu verhindern, dass Kinder aus der Familie genommen werden müssen, ist das Elterntraining, das mit Anfang 2008 begann und ebenfalls positive Resonanz erhielt. Familien, bei denen eine Gefährdung des Kindes festgestellt wurde, verpflichten sich schriftlich, am Training teil zu nehmen, das acht Termine zu je drei Stunden umfasst. Dort werden Eltern von Kleinkindern, die mit massiven Erziehungsproblemen kämpfen, in Kleingruppen zusammengefasst. Die Trainingseinheiten wurden von einer Sozialarbeiterin und einer Sozialpädagogin konzipiert, die die Gruppe auch leiten.

Der Austausch mit anderen Eltern und den Trainerinnen darüber, was gut gelingt, aber auch was man wie anders machen könnte, sind für die meisten Eltern eine neue, ungewohnte Form des Lernens. In der Gruppe wird lebhaft diskutiert, die Akzeptanz guter Tipps von anderen Eltern ist sehr hoch. Bei den Gruppenterminen geht es etwa um die Auseinandersetzung mit der Entwicklung und Förderung von Kindern, dem Umgang mit Konflikten mit dem Partner, dem Kind oder anderen Personen sowie um die Auseinandersetzung mit eigenen Kindheitserfahrungen.

Die MAG-Elfe begleitet die Kinder

Was im Fachjargon der MAG ELF „Volle Erziehung“ heißt, bedeutet für Kinder in der Praxis die ständige Betreuung in einer Wohngemeinschaft der MAG ELF. Zumeist werden gefährdete Kinder nach Gewaltsituationen in der Familie in ein Krisenzentrum gebracht, bevor sie in eine Wohngemeinschaft kommen. Bei der Übersiedelung begleitet sie seit kurzem ein liebenswertes Maskottchen, die MAG-Elfe. Sie soll Kindern helfen, den schwierigen Schritt, nämlich vom Krisenzentrum nicht nach Hause, sondern in eine Wohngemeinschaft zu kommen, zu bewältigen.

Neu: Die 5-Tages-Wohngemeinschaft

Eine gänzlich neue Form der Vollen Erziehung wurde nun mit der Eröffnung einer 5-Tages-Wohngemeinschaft geschaffen. Zugang zur 5-Tages WG haben all jene Kinder bei denen innerhalb der nächsten 6-12 Monate eine Rückführung in die Familie bevorsteht. Ziel ist es, die Eltern wieder in ihre Erziehungsverantwortung zurück zu begleiten. Sie werden daher aktiv in die Betreuung mit einbezogen und kommen auch unter der Woche in die Wohngemeinschaft. Damit ist gewährleistet, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind, trotz Aufnahme in der WG während der Woche gefördert wird. Das Wochenende verbringen die Kinder dann allein mit den Eltern. In Wien gibt es bis dato eine 5-Tages-WG in Favoriten.

Fällt die wissenschaftliche Auswertung positiv aus, ist eine Ausweitung auf weitere Regionen geplant.

Wohngemeinschaften werden ausgebaut

Insgesamt wurden die Kapazitäten in den Wohngemeinschaften der MAG ELF ausgeweitet: So wurden zwei neue Wohngemeinschaften mit je acht Plätzen und eine Krisenintensivgruppe mit zehn Plätzen geschaffen.

Zudem wurden fünf Wohngemeinschaften mit insgesamt 40 Plätzen zugekauft, weiters gibt es eine Kooperation mit den beiden SOS-Kinderdorf-WG`s „Floritz“.

Für Jugendliche, die längere Zeit in einer Wohngemeinschaft verbracht haben, gibt es „betreutes Wohnen“, um sie auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten. Bei diesem Angebot wohnen ein oder zwei Jugendliche in einer Wohnung und werden von eine/r/m SozialpädagogIn ambulant begleitet. Sie lernen dort, selbstständig zu leben, ihr Geld zu verwalten und den Alltag zu bewältigen. Für das „betreute Wohnen“ werden heuer weitere zehn Wohnungen für Jugendliche geschaffen. Derzeit laufen Gespräche über die Möglichkeit, dass die Jugendlichen die Wohnungen auch als Erwachsene übernehmen können.

Begleitung minderjähriger Schwangerer und minderjähriger Mütter

Gerade minderjährige Mütter brauchen oft besonders intensive Betreuung. Um diesem Bedürfnis nachzukommen, gibt es in der MAG ELF 3 SozialpädagogInnen, die sich derzeit um 82 jugendliche Mütter in Wien kümmern, die besonders gestützt und beraten werden. Dazu gehören etwa die Vorbereitung auf die Geburt und die Zeit danach, regelmäßige Gespräche, Hausbesuche, Begleitung zu Behörden, Bedeutung von Elternschaft und eigener Rolle, das Aufbauen eines Unterstützungsnetzes und vieles mehr.

Lt. Statistik Austria gab es 2006 insgesamt 204 Geburten von Müttern unter 18 Jahren.

Neue Betreuungseinrichtung für jugendliche Mütter

Spätestens ab Herbst wird es in Favoriten ein neues Mutter-Kind-Zentrum für Minderjährige geben. Dieses wird künftig 26 Wohnungen für jugendliche Mütter und ihre Säuglinge anbieten. Als idealer Standort für diese Betreuungseinrichtung hat sich das ehemalige Personalwohnhaus des Wiener Krankenanstaltenverbundes in der Biererlgasse 35 entpuppt. Die dort befindlichen Wohneinheiten bieten beste Voraussetzungen für die Betreuung der zumeist minderjährigen Mütter und können mit geringem Aufwand adaptiert werden.

Jede jugendliche Mutter hat künftig die Möglichkeit, in einer „eigenen“ Wohnung mit Wohnraum, Koch-, Schlafnische, Vorraum, Bad und WC zu wohnen und wird intensiv von einer Sozialarbeiterin betreut und unterstützt.

Im Zuge dieser engen Begleitung kann abgeschätzt werden, ob und wie die jungen Mütter mit ihrer neuen Lebenssituation zurecht kommen und wie sie mit dem Baby umgehen. Mit diesem Projekt werden die zwei bestehenden Mutter-Kind-Einrichtungen zusammengelegt und die Plätze aufgestockt.

Nach derzeitigen Erfahrungen werden die Jungmütter durchschnittlich 7 Monate bis 2 Jahre im Mutter-Kind-Zentrum betreut. 70 Prozent von ihnen gelingt mit Unterstützung der SozialarbeiterInnen der Schritt zurück in den Alltag. Ist die Überforderung zu groß, dann übernimmt die MAG ELF die Obsorge und die Kinder werden von Pflegeeltern betreut.

Angebot in Eltern-Kind-Zentren wurde erweitert

Ein erfolgreiches Pilotprojekt läuft derzeit auch im Eltern-Kind-Zentrum in Floridsdorf. Waren die Kurse und Beratungen in den Eltern-Kind-Zentren bisher vorwiegend auf Schwangere und Eltern von Kindern bis zu 6 Jahren zugeschnitten, wurden diese auf Eltern mit Kindern aller Altersgruppen erweitert. Im Eltern-Kind-Zentrum 21. Bezirk wurden darüber hinaus in einem Pilotprojekt auch Elternrunden für Eltern von älteren Kindern eingeführt. Zu neuen Themen, wie Schule, Pubertät etc. kann in Kleingruppen ein guter Austausch zwischen den Eltern und einer SozialarbeiterIn erfolgen. Eine wienweite Ausweitung und Weiterentwicklung dieses Angebots, das sich an den Bedürfnissen der Eltern orientiert, ist in den nächsten Jahren geplant.

Vor etwa einem Jahr wurde das Angebot der Eltern-Kind-Zentren um Information und Beratung rund um das Thema Trennung/ Scheidung erweitert.

Zahlen, Daten & Fakten

Auch 2007 ist die Zahl der Meldungen von vermuteter Gefährdung von Kindern von 10.045 Meldungen im Jahr 2006 auf 10.393 Meldungen im Jahr 2007 gestiegen. „Der Anstieg ist auch darauf zurück zu führen, dass die Menschen zunehmend sensibilisiert sind, wodurch die MAG ELF ihren Teil im Rahmen der alljährlichen Kinderschutzkampagnen beigetragen hat. Die Menschen wurden ermutigt, nicht zuzuschauen, sondern bei Gewalt gegen Kinder das Jugendamt zu kontaktieren“, so Vizebürgermeisterin Grete Laska.

Die Gefährungsmeldungen teilen sich wie folgt auf:

  • 57 Prozent auf Vernachlässigung
  • 26 Prozent auf psychische Gewalt,
  • 15 Prozent der Meldungen bezogen sich auf körperliche Gewalt,
  • 2 Prozent auf Missbrauch

Für 4 Prozent der betroffenen Kinder war nach Beendigung der Abklärung eine längerfristige Unterbringung in einer Wohngemeinschaft oder bei Pflegeeltern erforderlich. Bei 26 Prozent der Fälle erfolgte anschließend eine Unterstützung der Erziehung als ambulante Maßnahme. 949 Kinder waren im Vorjahr während des Abklärungsverfahrens vorübergehend in einem Krisenzentrum untergebracht, 117 Säuglinge und Kleinkinder bei Krisenpflegeeltern.

52 Prozent der Kinder in Pflegefamilien

Derzeit befinden sich ca. 2500 Wiener Kinder in Voller Erziehung, davon sind bereits 52 Prozent bei Pflegefamilien (vorwiegend Kleinkinder) untergebracht. In Wien gibt es derzeit 355 Pflegefamilien, in den Bundesländern werden 539 Wiener Kinder in Familien versorgt.

2007 wurden 87 Säuglinge und Kleinkinder bei Pflegefamilien untergebracht, davon 44 in Wiener Familien. Ziel der MAG ELF ist es, den Versorgungsgrad von Kindern in Wiener Pflegefamilien zu erhöhen.

(APA)

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