Pflegeeltern des Schreckens: Qualen in Familienwohngruppe nach Jahren aufgeflogen

Seit 1. September 2010 ringt Emanuel Freilinger von Pro Juventute um den Ruf seiner Organisation. Immerhin ist der private Jugendwohlfahrtsträger auf Spenden angewiesen, um Investitionen wie auch Instandhaltungen seiner Einrichtungen zu finanzieren. Das ausgerechnet in Bad Mitterndorf, einer Tourismushochburg in Mitten der Steiermark, über Jahre hinweg Kinder gequält und vernachlässigt wurden, bekommt Pro Juventute freilich nicht gut.

Am Donnerstag macht die „Kleine Zeitung“ publik was bereits viele im Ort wussten. Selbst am Stammtisch sprachen die Bürger von Bad Mitterndorf über das sadistische Treiben von Gundula H., ihrem Gatten und einer Pädagogin. Eine Nachbarin führte genau Buch und wusste bemerkenswerte Details. So standen Barfuß-Strafe und Essensentzug bei Heimleiterin Gundula H. genauso auf der Tagesordnung, wie das Verspeisen von Zitronen und Regenwürmern. Wer nicht spurte, musste sogar barfuß – nur mit Pyjama bekleidet – in den kalten, dunklen Keller.

70 Euro für Sadismus vom Amt

Den praktizierten Sadismus ließen sich die „Profi-Pflegeeltern“ vom Amt gut bezahlen. Immerhin flossen rund 70 Euro pro Tag und Kind in die Tasche der – quasi besseren – Ersatzeltern. Die Kinder, vom Jugendamt aus ihren Familien gerissen, spürten davon wenig  außer, wenn die Kontrolleure kamen. So auch als Emanuel Freilinger, Geschäftsführer von Pro Juventute einmal auf Besuch war. „Sie haben mich zum Essen eingeladen. Man konnte den Kindern äußerlich einfach nichts anmerken“, sagt Freilinger im Gespräch mit XlargE. Doch wer hörte sie, die lauten Kinderschreie, wenn zur Strafe barfuß im Schnee eine Viertelstunde ausgeharrt werden musste.

Mitarbeiterin erhob vor einem Jahr schwere Vorwürfe

Eine Mitarbeiterin will bereits vor einem Jahr die Verantwortlichen von Pro Juventute kontaktiert haben –  ohne Erfolg. Bis hin zum Betriebsrat habe man die couragierte Pädagogin ignoriert, heißt es in der „Kleinen Zeitung“. Die Folge war eine Kündigung wegen Dienstpflichtverletzungen.

Für Patricia Göller, deren Initiative betroffene Eltern in Auseinandersetzung mit der Jugendwohlfahrt begleitet, nichts neues. „Wer Vorwürfe erhebt, bekommt selten Gehör, und wenn flattert ein Schreiben der Rechtsabteilung in den Briefkasten. Wer will da schon das Schweigen brechen. Es heißt ja das sind gute Organisationen. Plötzlich hört man von Missbrauch bei SOS Kinderdorf und Pro Juventute. Dann wird beschönigt und die Schuld auf jene geschoben, die angeblich über Jahre geschwiegen haben“.

Nachbarn hätten nicht schweigen dürfen

Das kritisiert auch Emanuel Freilinger im Gespräch mit XlargE „Wir fragen uns jetzt warum über Jahre hinweg nie jemand von den Nachbarn etwas gemeldet hat. Jetzt wo die Medien alles veröffentlichen, schießt man gegen uns“. Konfrontiert mit jener Mitarbeiterin, die bereits vor einem Jahr Alarm schlug, meint Freilinger „Ich wusste davon nichts. Natürlich werden wir im Rahmen der Aufarbeitung auch dem nachgehen“. In jenem Tagebuch, das eine Nachbarin über drei Jahre hinweg penibel geführt und im heurigen Sommer einem Wiener Urlauber überließ, der schließlich den Fall ins Rollen brachte, sei aber laut Informationen von XlargE eine Mitarbeiterin erwähnt, die Auskunft geben könne.

Inzwischen nahm das Landeskriminalamt Steiermark die Ermittlungen auf. Die betroffenen fünf Kinder leben seit Anfang September in einer neuen Wohngruppe in Bad Mitterndorf. Für Patricia Göller nur bedingt eine Lösung mit Beschönigungspolitik „Ich bin ja froh wenn die Kinder aus der Hölle geholt wurden. Aber trotzdem, sie leiden in der Fremdunterbringung auch weiterhin, werden noch mehr traumatisiert, könnten vielleicht heim zu ihren leiblichen Eltern. Alles das wird ihnen verboten, denn man will am System ja nicht kratzen, die leiblichen Eltern nicht wirklich miteinbinden. Am Ende warten die armen Kinder wieder vergebens auf eine Rückführung in ihre Herkunftsfamilie“.

Emanuel Freilinger betont unterdessen gegenüber XlargE, man wolle die Kontrollmechanismen verbessern und arbeite seit mehreren Jahren an entsprechenden Effizienz-Projekten. Das im konkreten Fall keine Anzeichen spürbar waren, führt Freilinger auch auf eine Art „Stockholm-Syndrom“ bei den Kindern zurück „Sie müssen verstehen, dass es für die Kinder schon ganz normal und Bestandteil im Alltag war, dass sie diesen Qualen ausgesetzt waren“.

Das schon früher einmal die Schule eines der betroffenen Kinder Alarm schlug, nachdem von anderen Kindern die Schuljause gestohlen wurde, gibt auch Freilinger zu denken „Damals unternahmen wir alle Möglichkeiten der Aufklärung des Vorfalls, bis hin zu einem runden Tisch. Den Kindern unserer Einrichtungen steht eine unabhängige Kinder- und Jugendbeauftragte zur Verfügung. Welche weiteren Möglichkeiten wir für die Zukunft schaffen können, wird noch zu erarbeiten sein. Aus dem Fall in Bad Mitterndorf müssen wir aber unsere Lehren ziehen“.

Pikantes Detail am Rande: Trotz Behauptungen von Jugendamt Mitarbeitern, wonach mehrmals pro Jahr Einrichtungen der Jugendwohlfahrt kontrolliert werden, war im Fall der Bad Mitterndorfer Familienwohngruppe nur alle fünf Jahre vom Amt der Steiermärkischen Landesregierung kontrolliert worden. Der nächste Kontrolltermin wäre für Herbst 2010 vorgesehen gewesen.

Ironie am Schluss: Im Telefonbuch scheint Gundula H., die mit ihrem Mann Michael und Pädagogin Martina Sch. ihre Schützlinge über Jahre hinweg gequält haben sollen (es gilt die Unschuldsvermutung) nach wie vor als Inhaberin des Telefonanschluss der Familienwohngruppe Bad Mitterndorf auf. Emanuel Freilinger war froh mit dem Hinweis von XlargE konfrontiert worden zu sein. „Selbstverständlich werden wir das sofort ändern lassen“, meint Emanuel Freilinger von Pro Juventute abschließend.

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Siehe auch: Skandal Kinderheim aufgedeckt

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